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Zusammenfassung

Autor schutsch
 - 24.05.2025 11:04
Wir bezeichneten die "Kleider", die bei uns im Klassenzimmer an einer Garderobenstange hingen, als Kittel. Sie waren unsere "Arbeitskleider" für den Eurythmie-Unterricht, der zweimal pro Woche erteilt wurde.
Die Jungen trugen eher kurze Kittel (bis zum Knie) in "männlichen" Farben und die Mädchen trugen längere Kittel (mindestens bis zur Wade) in "weiblichen" Farben.

Wenn man in Waldorfschulen heute noch die Kittel einsetzt, unterscheidet man jedoch zwischen Mädchen und Jungen kaum noch, was ich fragwürdig finde, und sicher ein Thema für das Forum ist.

Die Kittel waren einfacher geschnitten als die Eurythmiekleider und bestanden in der Regel aus Baumwolle, während die Kleider aus wertvoller Seide bestanden, die beim Bewegen sehr schön "mitgehen", und bei der Lichterführung in Aufführungen ihre Farbe wechseln können, für den Ausdruck unterschiedlichster Stimmungen.
Die Kleider wurden passend zum Stück in der Aufführung ausgewählt, der Größe des Künstlers angepaßt und mit einem Schleier oder Skapulier kombiniert. Die anspruchsvolle Kostümierung war eher den Schülern der Oberstufe vorbehalten, und oft vom Einsatz der Eltern abhängig.

Die Kittel hingegen wurden auch zu den Monatsfeiern getragen, auch außerhalb der Eurythmie; für alle Stücke, die vorgetragen wurden. Für Märchen oder kleine Theaterstücke lassen sich die Kittel wunderbar einsetzen.

Es war ein Segen die Kittel zu haben, weil auch an der Waldorfschule Kinder nicht immer ,,anständig" gekleidet erschienen und es keine Uniform gab; schon damals passierte es, daß ein Kind auf seinem Hemd ein Aufdruck mit einer Botschaft präsentierte, die den Unterricht störte.
Fast wie eine Seuche setzte sich durch, daß Schüler, sogar Mädchen, in ,,Wald-Arbeiterhosen" (Jeans) erschienen sind. Wenn diese auch noch hauteng waren, wirkten sie auf mich besonders häßlich, und reduzierten den Mensch auf seine Körperformen. Bequem kann das nicht sein und sicher unpraktisch beim An- und Ausziehen.

Rudolf Steiner empfahl sich leicht und locker zu kleiden, aus Gründen des Anstandes und der Gesundheit. Nur Stoffe aus natürlichen Stoffen waren erwünscht.

In vieler Hinsicht ging es in der Waldorfschule um Gesundwerdung. Wohl jeder Waldorfschüler kennt die Heileurythmie, zu der er aus dem Unterricht genommen wurde, um etwas korrigiert zu bekommen. Impfen war ,,verboten", genauso wie Fernsehen oder Fußball spielen. Fleisch nur einmal pro Woche und Speisen möglichst aus dem biologisch-dynamischen Anbau (Demeter), aus dem die Bio-Welle hervorging, leider auch mit einer Abwendung von konservativen Werten.

Steiner bediente sich aus den Erkenntnissen vieler christlicher Gemeinden, den Amischen (Gartenbau, Handarbeit, Kinderkleider und Waldorfpuppen), den Hutteren (Keuschheit, Bescheidenheit und Gemeinschaft) oder der katholischen Kirche (Lithurgie der Christengemeinschaft, Gebete, Sprüche und Eurythmiegewänder).

So bis zur achten Klasse wurden die Eurythmiekittel getragen, wobei meistens nach der vierten Klasse neue Kittel notwendig wurden, weil die alten zu klein oder verschließen waren. Manchmal wurden Mütter selbst aktiv und nähten ihrem Kind einen neuen Kittel, was ich jedoch etwas störend fand, wenn Schnitt und Stoff nicht einheitlich waren.

Jetzt habe ich sehr viel geschrieben, weil ich die Frage vielleicht nicht richtig verstanden habe. Man muß wissen, daß Steiner wichtig war, daß Eltern und Lehrer gemeinsam an einen Strang ziehen, bei der Erziehung unserer Kinder. So waren das Zuhause und die Schule oft eine gemeinsame Welt.

Hätten wir in Deutschland die Bildungsfreiheit und dürften Eltern ihre Kinder auch selbst unterrichten, würden unsere Regelschulen sicherlich profitieren (Wettbewerb). Ich befinde mich seit 2010 in der Home-School-Bewegung und habe in allen Ländern der Erde bemerkt, daß die Kinder, die eine Hausschule hatten, fast immer sehr gut gebildet waren. 
LG
Autor MAS
 - 23.05.2025 22:53
Danke, Schutsch, für Deine Ausführungen!

Nur eine Frage zunächst:
Meinst Du hier
ZitatIn den Ferien nahmen wir die Kittel mit nach Hause, zum Waschen und Bügeln. Wenn wir sie nach den Ferien nicht parat hatten, war es im Eurythmie-Unterricht peinlich, in Straßenkleidung dazustehen. Man hätte um Ersatz bitten können, was möglich wäre, denn es gab einen großen Fundus von alten Kitteln, die für Theateraufführungen aufbewahrt wurden.
die Kittel oder die Eurythmiekleider?

LG, Micha
Autor schutsch
 - 23.05.2025 13:56
Vielen Dank "MAS", für den Hinweis!

Ich wußte nicht, daß das Zitat erscheint, da ich abgelenkt war, und gerne noch was äußerte, zu "Grünschnabel".

Ich hätte gerne gewußt, in welcher Zeit er zu welcher Waldorfschule ging?

Die meisten Eurythmie-Aufführungen - aber auch Theater, Gedichte vortragen, Chor oder Orchester - erfolgten in den Monatsfeiern, die heutzutage leider nur noch weniger oft als monatlich stattfinden, und leider nicht mehr so schön sind.

Rudolf Steiner bezweckte mit den Monatsfeiern, daß alle Schüler der Schule, Lehrer, Eltern und Freunde den Inhalt der Unterrichte, der jeweiligen Klassen, sehen können, auch zur Festigung der Gemeinschaft.

Uns Kinder kostete es große Überwindung, uns der Gemeinschaft, die aus bis zu 600 Menschen bestehen konnte, zu präsentieren, was uns aber auch Kraft und Selbstvertrauen gab.

Es wäre schrecklich gewesen, Eurythmie in Straßenkleidung zu machen. Wir wären nicht schön anzuschauen gewesen und die Eurythmie käme schlecht zum Ausdruck. Außerdem zwickt und spannt Straßenkleidung, insbesondere die von Jungen. Mädchen trugen in meiner Zeit noch fast immer Kleid oder Rock mit Bluse, hatten es also bequemer.
Die Eurythmie aber lebt von den Formen und Farben, und da ist Einheitlichkeit wichtig. Das Tragen der Eurythmiekleider war also eine Selbstverständlichkeit, und eigentlich trugen wir die Kleider gerne, konnten es aber nicht immer so zeigen, da unsere Scham berührt war, aber dazu später.

Zu großen Eurythmie-Aufführungen, oder zu dem Eurythmieabschluß in der zwölften Klasse, durften wir, also auch die Jungs, fußlange Eurythmiekleider aus Seide mit Schleier tragen.

Meistens zogen wir, auch ohne Aufforderung der Lehrer, die Straßenkleidung aus, bevor wir in unsere Eurythmie-Kleider schlüpften. Die Kleider fielen besser und ihre Stoffe schenkten ein angenehmes Streicheln auf der Haut, was gesund ist. Ein Unterkleid zu tragen ist sinnvoll (Blickdicht).

Auf der Bühne war es kaum auszuhalten, wenn man nicht luftig gekleidet war, denn man fing an zu schwitzen, wegen der Aufregung und dem "Lampenfieber", wegen der Scheinwerfer-Wärme und wegen der Bewegung in der Eurythmie, die sich aus Umgängen und Armgebärden zusammensetzt. Je nach Stück kann das sehr anstrengend sein, insbesondere in der Toneurythmie, bei einer Sonate von Bach. Nur seinen ,,Namen zu tanzen", wäre zu primitiv, denn in der Laut-Eurythmie können lange Gedichte in Bewegung gezeigt werden. 

Unsere Aufführungen sollten also ein Ausschnitt aus unserer Arbeit in den Fächern der Schule sein.
Warum also sollten Eurythmiekleider nur zu den Aufführungen getragen werden?
Wir sollten nicht nur die Eurythmie den Zuschauern verdeutlichen, sondern auch uns selbst, den Künstlern. Mein eigenes Kleid, das ich trage, nehme ich weniger wahr als die Kleider meiner Klassenkameraden. In Straßenkleidung oder gar in Jeans Eurythmie zu machen, ist eine Maßnahme um die Eurythmie und ihre Heiligkeit zu beschädigen. Eurythmie ohne die Gewänder ist wie Schwimmen ohne Wasser, sagte ich immer. Wenn man länger mit Schleiern arbeitete, spürte man seine Aura noch lange, auch wenn der Schleier schon abgelegt war.

Die Eurythmie dient dazu, nachzuempfinden wie Gott die Schöpfung vollbracht hat. Zwischen Mann und Frau wird da kaum unterschieden. Es geht darum, die Seele und den Menschen als geistliches Wesen zu fördern und darzustellen.

Im Unterricht trugen wir Kittel, die aus Baumwolle bestanden und alltagstauglicher waren als die Kleider, die meistens aus zarter Seide bestanden. Teilweise waren die Kittel ,,mitwachsend", was bedeutete, daß man jährlich die Säume herausließ, an Armen und Beinen. Es gab auch Klassensätze, die ,,vererbt" wurden, also in den Klassen verblieben, für die Schüler des nächsten Jahrganges.

In den Ferien nahmen wir die Kittel mit nach Hause, zum Waschen und Bügeln. Wenn wir sie nach den Ferien nicht parat hatten, war es im Eurythmie-Unterricht peinlich, in Straßenkleidung dazustehen. Man hätte um Ersatz bitten können, was möglich wäre, denn es gab einen großen Fundus von alten Kitteln, die für Theateraufführungen aufbewahrt wurden.
Von der ersten bis zur vierten Klasse trugen wir also die Kittel, die Mädchen in gelb oder rosa und die Jungs in grün oder blau (Farbenlehre). Die Kittel der Jungs waren etwas kürzer, aber mit Hose, und man trug einen selbst gedrehten Kordel oder ein Taillenband mit Schleife.

In den höheren Klassen glichen sich die Kittel an, die schon eher Kleider waren und nicht mehr im Klassenzimmer hingen. Die Mädchen durften, zum Umkleiden, etwas früher zur Eurythmie gehen. Neben den Eurythmie-Sälen waren Umkleideräume und Kleiderkammern.
Es machte aber auch Spaß in den Kleidern über das Schulgelände zu ,,schweben". Rennen und Klettern war in den Kleidern verboten, wir hatten zu Schreiten!
An Tagen der Monatsfeiern hatten oft alle Schüler der Schule den ganzen Tag die Kittel oder Kleider an, was eine gute Atmosphäre ergab, denn in einem Kleid verhält man sich anständiger.

https://www.youtube.com/watch?v=GQ7m7Haf4SQ

War es nun Zwang und Demütigung, die Eurythmiekleider tragen zu müssen, oder war es ein besonderes Privileg?
Klar, für die Jungen kostete es Überwindung, die Kleider zu tragen. Andererseits wurde man seit dem Kindergarten daran gewöhnt, und da alle mitmachten, war es normal!

In der Tat bin ich froh, daß ich als Junge die Kleider tragen durfte, weil ich die Kleidervorschriften der Männer fragwürdig finde. Oft ist es aber der Mut der uns fehlt, denn mit Eurythmiekleid in der Öffentlichkeit fällt man zwar auf, aber eigentlich macht keiner deswegen Probleme, denn man ist ja sittlich bedeckt.
Im islamischen Raum trage ich gerne ein Kaftan, und ich fiele eher unangenehm auf, trüge ich ihn nicht, denn im Süden seine Haut der Sonne auszusetzen, ist verrückt!

Ja, ,,Grünschnabel", vermutlich hast Du recht, daß heute nicht mehr so konsequent Eurythmiekleid getragen wird, wie zu meiner Zeit, aber ist das nicht schade?

Die Waldorfschulen haben sich seit 1990 leider immer mehr dem Staat, mit seiner materialistischen Weltanschauung, angepaßt. Die Staatsschulen gleichen eher eine Behörde mit Beamten, als einer Kultureinrichtung, wie es sein sollte.
Erziehung in Liebe ohne Noten, ist ohne den christlichen Glauben eine ziemliche Unmöglichkeit.
Christen wird es schwer gemacht, Lehrer werden zu können, und so wird es immer schlimmer in Deutschland, mit einer guten Bildung und einer Kleider-Kultur!
Leider haben wir keine Bildungsfreiheit, denn dann könnten Eltern die Hausschule machen, die in fast allen Ländern der Erde erlaubt ist.

Liebe Grüße

Autor MAS
 - 20.05.2025 18:09
Hallo schutsch,

kann es sein, dass Du zu den von Dir zitierten Stellen auch noch was schreiben wolltest, das aber aus Versehen gelöscht hast?

LG, Micha
Autor schutsch
 - 20.05.2025 18:00
Zitat von: Skirtedman am 04.03.2024 15:20
Danke, Chris-s und Zwurg,

für diese Einblicke. Ich hatte schon gedacht, dass wir auch in unseren Reihen Menschen haben mit anthroposophischer Erfahrung.

Seltsamerweise hat eine Freundin, die mit den höchsten Kreisen der Waldorfschulen zusammenarbeitet, mir davon noch nie etwas erzählt. Sie weiss sehr wohl, dass ich Röcke und inzwischen Kleider trage; wir waren auch schon zusammen im Urlaub - zwar eher durch Zufall (unsere Urlaube überschnitten sich ein paar Tage), aber das im gleichen Hotel und sogar in benachbarten Zimmern, deren Zwischentür sich öffnen ließ. Sie müsste es eigentlich wissen, dass solche Informationen mich sehr interessieren; aber davon gesagt hat sie noch keinen Deut. Vielleicht, weil es von Schule zu Schule unterschiedlich intensiv gehandhabt wird. Vielleicht, weil der Einsatz der Kleider wirklich auf seltenste Gelegenheiten einschränkt ist.

Dennoch finde ich es erstaunlich, dass es in unserer linientreuen Hosenzeit solcherlei Initiativen gibt, in denen Jungs oder Männer - halt wohl leider nur in Ausnahmesituationen, aber trotzdem - nahezu feenhaft wie zarte Frauen eingekleidet werden.
Autor schutsch
 - 20.05.2025 17:52
Zitat von: chris-s am 01.03.2024 17:10
Also –als ehemaliger Waldorfschüler mit Eurythmie-Erfahrung will ich ein wenig zur Allgemeinbildung hier und heute beitragen:  ;D

Eurythmie ist – wie vieles in der Anthroposophie – von der Jugendbewegung und dem Jugendstil am Anfang des 20. Jhds. inspiriert. Rudolf Steiner hat dem Ganzen mit einer esoterischen Weltanschauung noch einen Rahmen gegeben.

Es gibt auch eine besondere Art zu sprechen, die sog. Sprachgestaltung, die sehr getragen und betont Texte, v.a. Gedichte intoniert. Entstanden einst im Wiener Burgtheater, aber bald wieder fallen gelassen. (Die sprechen da heute wieder ganz normal)  ;) Von Steiner, der ja Österreicher war, aufgegriffen und zu einer Kunstform entwickelt.

Eurythmie ist eine vom Tanz / Ballett inspirierte Bewegungskunst

In der Waldorfschule ist es normales Schulfach. Allerdings werden die Eurythmie-Kleider nicht während des Eurythmie-Unterrichts, sondern nur bei öffentlichen Aufführungen getragen. In jeder Waldorfschule gibt es mehrmals im Jahr sog. Monatsfeiern, bei denen von den einzelnen Klassen Themen aus dem gesamten Unterricht (u.a. Eurythmie) dargestellt werden. Von den oberen Klassen werden dann auch mal Eurythmie-Kleider getragen. In den unteren Klassen ist dies nicht üblich.

Zur Jugendbewegung am Anfang des 20. Jhds. gibt es u.a. diese Bücher:

https://www.amazon.de/gp/product/B071R9P39W/ref=kinw_myk_ro_title
https://www.amazon.de/gp/product/B0779LVHJV/ref=kinw_myk_ro_title
Autor schutsch
 - 22.08.2024 09:13
In der Rudolf Steiner Schule Berlin-Zehlendorf, von 1970 bis 1982!
Autor chris-s
 - 19.08.2024 16:24
Zitat von: schutsch am 19.08.2024 11:29

Zur "Monatsfeier" trugen immer alle Schüler ihre Eurythmiekleider, auch dann, wenn keine Eurythmieaufführung anstand. Wir ergaben so immer ein schönes und einheitliches Bild.


In welcher Waldorfschule war das denn?
Autor schutsch
 - 19.08.2024 11:29
Mir war sie nie fremd, die Eurythmie!
Schon im Kindergarten mußte ich sie machen, und dann zwölf Jahre in meiner Schule! Sie war, mit zwei Stunden pro Woche, das schönste Fach! Ich liebte die Eurythmie, weil wir uns "schön" bewegen durften; natürlich immer im Kleid:
Die Mädchen trugen fußlange Kleider in gelb oder rosa und die Jungs Kittel (kurze Kleider) in grün oder blau, mit Hose.
Wir hatten "mitwachsende Kleider", deren Säume nach und nach ausgelassen wurden. Andere Schulen hatten Klassensätze, die Jahr für Jahr an die neuen Schüler "vererbt" wurden. Zum Schulanfang, nach den Ferien, waren die Kleider immer frisch gewaschen und gebügelt. Nach drei oder vier Jahren wurden die Sätze erneuert, wobei wir im Handarbeitsunterricht eine sinnvolle Aufgabe an der Nähmaschine hatten.

Zur "Monatsfeier" trugen immer alle Schüler ihre Eurythmiekleider, auch dann, wenn keine Eurythmieaufführung anstand. Wir ergaben so immer ein schönes und einheitliches Bild.

Wenn Schüler der Oberstufe zur Aufführung kamen, wurde die Eurythmie professsionell und man trug Seidengewänder mit Schleier. Mit der Beleuchtung konnte man unterschiedlichste Stimmungen erzeugen.

Die Eurythmie stammt aus den griechischen Tempeltänzen und wurde durch Rudolf Steiner neu gebildet; mit Tänzerinnen, die im Balett unzufrieden waren.

Ich glaube, daß die Eurythmie die einzige Kunstform ist, die Übersinnliches würdevoll darstellen kann! Voraussetzung jedoch ist, daß der Eurythmist den christlichen Glauben hat. Christen traf ich, die die Eurythmie nicht kannten, aber den Anmut hatten, den ich aus der Eurythmie kannte.
Der Erfolg der Waldorfpädagogik gründete auf "Liebe und Vorbild", wie wir es aus dem Christentum kennen. Gibt es die Liebe nicht, kann angstfrei ohne Noten nichts unterrichtet werden.
Autor Luan
 - 05.03.2024 22:38
Ich komme immer, wenn ich einen guten Freund in der Pfalz besuche, auch immer an einer Waldorfschule vorbei. Allerdings immer nur zu Zeiten, wo es offenbar keinen mehr Unterricht gibt. Ich habe daher noch keine Eurythmirenden dort gesehen.
Autor Skirtedman
 - 05.03.2024 04:21
Zitat von: Zwurg am 04.03.2024 21:39
Ohne Steiner verteidigen zu wollen: Man muss die Zeit beachten in der er lebte.
Er ist 1861 geboren und starb 1925.
Er hat sein Leben in Österreich und Deutschland verbracht. ...
Der Kolonialismus der europäischen Nationen, mit den damit verbundenen Vorurteilen und Meinungen war noch in vollem Gang.
Er wird sich also wahrscheinlich der vorherrschenden Ansichtsweise angeschlossen haben.

Ganz richtig. Das waren auch meine Gedanken.

Dabei kam Deutschland ja gerade erst zum Zuge, auch eine kleine Kolonialmacht zu werden. Das nicht ganz uneigennützige Denken, einer überlegenen Herrenrasse anzugehören, hatte in dieser Zeit ja gerade, nun also auch in Deutschland Konjunktur.

Fast schon ein bisschen spät und fast schon ein bisschen aus der Zeit gefallen, trieben das ja dann die Nazis auf die Spitze.

Aber Hand aufs Herz, selbst heute sitzt dieses Gefühl, zumindest kulturell und zivilisatorisch den anderen Weltregionen überlegen zu sein, noch den Europäern tief verankert in ihrem Denken. Nicht zuletzt auch die Errungenschaft der Demokratie nährt dieses Gefühl. Erst allmählich lassen verschiedene Schockwellen weltwirtschaftlicher Verlagerungen dieses Gefühl angstbesetzt zerbröckeln.
Autor MAS
 - 04.03.2024 23:53
Genau so sehe ich es auch.

Wobei ich als Religionswissenschaftler eigentlich ja sogar so neutral sein sollte, dass ich über Luthers Reformansätze nicht beurteilen darf, sondern sie ganz neutral beschreiben und analysieren soll. Also das ist zumindest offizielles Selbstkonzept des Faches.

LG, Micha
Autor Yoshi
 - 04.03.2024 23:17
Man muss halt immer differenzieren.
Ich muss als Erzieher Steiners anthroposophische Ansichten nicht teilen, aber kann in seinen pädagogischen Ansätzen durchaus Positives finden.
Michael wird als Religionswissenschaftler auch nicht Martin Luthers antijudaistische Aussagen befürworten, aber seinen Reformationsgedanken würdigen.
Ebenso muss ein Musikwissenschaftler nicht Richard Wagners Antisemitismus gutheißen, wenn er seine Opern schätzt.
Autor MAS
 - 04.03.2024 22:35
Ein Problem sehe ich darin, dass Steiner von seinen Anhänger:innen nicht nur als Vordenker in Sachen Pädagogik gesehen wird, sondern eher wie ein Heilsbringer. Auch wenn Anthroposph:innen die Anthroposophie nicht als Religion ansehen, sondern als Wissenschaft, behandeln wir in der Religionswissenschaft sie dennoch als Religion.

Darüber hatten wir mal ine Diskussion im Goetheanum, der Zentrale der Anthroposphie in der Schweiz. Zwei Wissenschaftsverständnisse standen gegeneinander, das anthroposphische und das akademische. Es lang eine unangenehme Stimmung in der Luft, als ich mich meldete. Der angespannte Anthroposoph nahm mich dran. Ich zeigte auf den riesigen Kronleuchter an der Decke und fragte: "Wie wechselt man da eigentlich die Glühbirnen aus?" Kurzes Stocken aller Anwesenden, dann ein Lachen, die Spannung war aus der Luft, der Anthroposoph sagte, da komme man von oben dran durch eine Luke in der Decke.

Aber ich bin kein Fachmann für die Anthroposophie. Aber schaut mal nach Helmut Zander. Der forscht über ihn.

LG, Micha
Autor Zwurg
 - 04.03.2024 21:39
Ohne Steiner verteidigen zu wollen: Man muss die Zeit beachten in der er lebte.
Er ist 1861 geboren und starb 1925.
Er hat sein Leben in Österreich und Deutschland verbracht. Ich bezweifle dass er viele Menschen anderer Rassen zu Gesicht bekam.
Der Kolonialismus der europäischen Nationen, mit den damit verbundenen Vorurteilen und Meinungen war noch in vollem Gang.
Er wird sich also wahrscheinlich der vorherrschenden Ansichtsweise angeschlossen haben.