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Zitat von: Skirtedman am 30.01.2025 17:03
Hosen gehören nicht dazu, um männliche Grundfunktionen zum Fortführen der Fortpflanzung zu gewährleisten. Hosen am Mann sind der kulturelle Überbau. Diesen kann man ändern.


ZitatEs ist eben eine Spielart der Natur, dass Männer keine Frauen sind, und Frauen keine Männer. Welchen kulturellen Überbau man darum nun kreiert (oder das herkömmliche weitgehend übernimmt), bleibt Sache jedes einzelnen.
Zitat von: braveskirt am 30.01.2025 09:03
So ist es, Holger! Die Welt ist zum Glück komplexer, als manche sie sich machen - danke für den Literaturtipp, wieder etwas für die lange will-ich-noch-lesen-Liste
Zitat von: Holger Haehle am 30.01.2025 04:19
Wenn wir schon mal bei den Details angekommen sind, möchte ich gleich noch darauf hinweisen, dass alleine nur von der Biologie aus betrachtet das Geschlecht vielschichtiger ist, als ein bestimmter Chromosomensatz vermuten lässt. Im Tierreich ist das besonders deutlich. Da gibt es bei Fischen eine Menge Arten, die sogar ihr Geschlecht ändern und erst als Männchen besamen, um später als Weibchen zu gebären.
Beim Menschen finden sich XY-Männer mit Hypophysen im Hirn, wie sie mehrheitlich nur bei Frauen vorkommen. Es gibt sogar Intersexformen mit XXY. Das Geschlecht wird schon biologisch nicht alleine über das Vorhandensein bestimmter Sex-Chromosomen bestimmt, sondern über epigenetische Faktoren, die festlegen welche Gene aus einer Auswahl auf einem Chromosom gelesen werden. Also von der Biologie alleine gibt es schon mehr als zwei Möglichkeiten zur Geschlechtsbildung. Sie ist fluide mit vielen Zwischenformen.
Dann kommen noch kulturelle Faktoren dazu mit ihren Rollen und spezifischer Sozialisation, sowie psychologische Faktoren hinsichtlich der kognitiven Verarbeitung wie Individuen Geschlechtskonzepte verstehen und interpretieren.
Es gibt übrigens ein Buch mit dem Titel "Farben des Seins - Geschlecht & Identität in Natur & Kultur", das die multifaktorellen Parameter der Geschlechtsbildung evolutionsbiologisch, neurologisch, soziologisch, sozialpsychologisch, kulturanthropologisch und modehistorisch erklärt.
https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1073739358

Zitat von: Holger Haehle am 29.01.2025 14:43
Nicht das hier Missvertändnisse entstehen. Es wir zwischen biologischem und kulturellem Geschlecht unterschieden. Letzteres wird im Englischen als Gender bezeichnet. Kleidung ist eine Kulturleistung, die unabhängig vom biologischen Geschlecht ist. Das macht sie aus biologischer Perspektive geschlechtslos, was meist mit genderless übersetzt wird. Das ist etwas irreführend, wenn sich Gender eigentlich gar nicht auf die Biologie bezieht.
Zitat von: Skirtedman am 29.01.2025 16:31
Okay, Holger,
insofern widersprichst Du Braveskirt ja eigentlich gar nicht.
Insofern ist der von Braveskirt zitierte Satz "Biologically speaking, clothing is genderless." wirklich inhaltlich nicht korrekt. Er müsste demnach also lauten: "Biologically speaking, clothing is sexless."
Und insofern eröffnet sich mir mit Euren beiden kurzen Gedanken, je mehr ich darüber nachdenke, immer mehr die Erkenntnis, dass eine strikte Trennung zwischen biologisch und sozial/kulturell, ergo auch sex und gender eigentlich gar keinen Sinn macht.
Je mehr ich darüber nachdenke, kommt mir vor, dass die ganzen Genderwissenschaften und die darum angesiedelten Themen, nur ein Konstrukt bilden zu erklären, z.B. warum sich jemand in seiner Haut nicht wohlfühlen kann, oder z.B. warum "wahre Männer" auch Röcke tragen dürfen.
Soziale / kulturelle Produkte (wie geschlechtliche Rollenzuschreibungen) sind nicht ganz frei von den biologischen Produkten (notwendige Differenzen der geschlechtlichen Arterhaltung), denn sie werden von ihnen beeinflusst. Wie eben umgedreht, biologische Produkte (zum Beispiel die überwiegende Ausgestaltung in zwei biologische Geschlechter) besonders in den Feinheiten nicht ganz frei sind von den ihnen im Vorfeld aktiven sozialen / kulturellen Produkten.
Z.B. wird ein Mensch in einem bestimmten kulturellen Umfeld aufgrund seiner Haarfarbe gemieden, so hat er geringere Chancen (bis keine) auf biologischer Mitwirkung an der nächsten Generation. Kulturelle Einflüsse gestalten also die daraus resultierenden biologischen Produkte.
Soziale, kulturelle Leistungen (wie Holger das formulierte) formen also an der biologischen Weitergestaltung durchaus mit. Über die wenigen Momente unserer Befindlichkeiten im Hier und Jetzt weitgreifend hinausgedacht, lassen sich sex und gender de facto nicht hinreichend trennen, denn sie bilden ein gegenseitiges Wechselspiel.
Auf uns Rockträger einmal heruntergebrochen, kann unser Genderausdruck vielleicht bedeuten, dass unter uns Rockmännern (oder wie auch immer wir uns definieren) vielleicht eine signifikant hohe Zahl von Männlichgeborenen gibt, die sich biologisch nicht an der Arterhaltung beteiligen ( = keine Kinder haben) als das im Vergleich zu der Gesamtzahl der Männlichgeborenen im selben Kulturkreis durchschnittlich ausgeprägt ist. Vielleicht haben Abweichler von der an der Biologie (dem körperlichen Geschlecht) verankerten Genderrolle weniger Chancen, als ein Sexualpartner für eine Familiengründung ausgewählt zu werden. Diejenigen Männer, die eine Familie gründen konnten, bevor sie von der Rock-Idee inspiriert waren, mögen die Rate der Familienväter noch hochhalten.
Auch Menschen, die sich mit ihren per biologischen Merkmalen zugeschriebenen sozialen / kulturellen Rollen nicht identifizieren, sind vermutlich eher am biologischen Arterhalt ausgeschlossen, weil eben die sozialen, kulturellen Bedingungen solche Abweichler an diesem biologischen Prozess eher ausschließen. Insofern wird schon recht deutlich, dass gender an den nachfolgenden biologischen Prozessen nicht ganz unbeteiligt ist.
Nun ist es nicht m.E. nicht verwerflich, als Individuum nicht am biologischen Arterhalt direkt beteiligt zu sein - ich falle Stand jetzt übrigens auch darunter. Darum ist es auch nicht notwendig, Menschen, die sich nicht binärgeschlechtlich zuordnen wollen, zu diffamieren. Es gibt andere Wege als nur der rein biologische, sich am Arterhalt der eigenen Spezies zu beteiligen. Und selbst wenn auch das bei vereinzelten Individuen nicht erkennbar bliebe - es gibt in der Geschichte des Lebens (manche nennen es Evolution) immer auch Versuche, die rein biologisch an irgendeinem Punkt nicht mehr weiterführten. Andererseits braucht es diese Versuche, um auf sich ändernde Bedingungen, welche auch immer (und wenn es sarkastisch ausgedrückt ein Meteorit ist), eventuell mit einem fortan erfolgreicheren Konzept reagieren zu können.
Trotzdem ist es auf der anderen Seite - jenseits allen sozialen, kulturellen Überbaus - nicht zu leugnen, dass ein zentraler Sinn des Lebens ist, die eigene Art (Spezies) auch über die Endlichkeit der eigenen Lebenszeit zu erhalten. Letztlich sind wir alle, die wir heute leben, selber das Produkt, also die Nutznießer dieses Bestrebens. Und jenseits allen sozialen, kulturellen Überbaus ist es bei einer zweigeschlechtlichen Art, wie die Natur das vermutlich mit gewissen Vorteilen entwickelt hat, es so, dass diesen zwei biologisch definierten Geschlechtern zumindest in Teilaspekten unterschiedliche Rollen zukommen.
Wir Menschen als eine Spielart der Säugetiere legen eben nicht unsere Leibesfrucht in Form eines Eis außerhalb des Körpers ab und können uns schon bald gemeinsam und gleichermaßen um den Nachwuchs kümmern. Alleine die Reifezeit im Körper bedingt unterschiedliche Geschlechterrollen. Auch ist dann die geborene Leibesfrucht in unserer Spezies Mensch auch noch nicht so weit ausgereift, dass sie von den ersten Tagen an, ersten Monaten und darüber hinaus völlig selbständig überleben könnte; inwieweit die weitere Nestpflege dann sinnvoll ist, mit geschlechtsbezogenen Rollen auszugestalten, mag sicherlich diskutabel bleiben.
Werfen wir also alleine nur einen Blick auf die Aspekte im letzten Absatz, so wird klar, dass eine völlige geschlechtsfreie Rollenverlörperung nicht möglich ist. Insofern ist gender und sex durchaus miteinander verbunden; ein Teil des gender bedingt sich aus dem sex, wenn es um Arterhalt geht, der bis heute bis hin zu unserer eigenen individuellen Existenz praktiziert wurde.
Das Ausmaß dieser notwendigen geschlechtsbezogenen Rollenerfüllung mag vielleicht gering sein im Vergleich zu dem, was der soziale und kulturelle Überbau daraus gemacht hat. Und Hosen für Männer als Zuschreibung gehört nicht dazu zu einer Rollenerfüllung, um die Erhaltung unserer Art zu sichern. Wenn Männer in Röcken gemieden werden, so ist das ein rein soziales / kulturelles Produkt. Und rein soziale / kulturelle Produkte lassen sich, wenn oftmals auch nur sehr träge, ändern.
Auch das Verhältnis zu Menschen, die sich nicht aus rein biologischen Gründen verorten möchten, ist ein überwiegend soziales / kulturelles Produkt. Auch wenn die meisten davon Betroffenen vermutlich sich nicht direkt am biologischen Arterhalt beteiligen, so hat eine Spezies, die nicht um ihr nacktes Überleben (ihren Fortbestand) kämpfen muss, Zeit, sich mit den Bedürfnissen dieser Betroffenen auseinanderzusetzen. Eine daraus hervorgehende wesentliche soziale / kulturelle Äusserung dürften die Genderwissenschaften sein.
Jedoch lassen sich gender und sex, mit soviel Herzblut wofür auch immer, nie völlig voneinander trennen und isoliert voneinander betrachten.
Soweit ein Auszug meiner Gedanken dazu.