Ein Plädoyer für Röcke als Zeichen von Freiheit und Gleichheit in der Mode

Begonnen von Holger Haehle, 13.09.2022 06:33

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Holger Haehle

These: Röcke sind die Zukunft, weil die Zukunft gleich ist und Geschlechtlichkeit zu einer freien persönlichen Entscheidung wird.

Männer neigen dazu, sich selbst als Maßstab für alles zu sehen. Das scheint Teil des patriarchalischen Erbes zu sein und ist der Hauptgrund, warum einige Männer glauben, etwas zu verlieren, wenn sie etwas von Frauen kopieren – aber das ist wieder einmal ein Trugschluss. Gerade im Vergleich mit historischer Herrenmode merkt man schnell, dass vieles, was heute in der Mode als feminin gilt, früher als sehr maskulin galt.

Männlichkeit muss nicht das Gegenteil von Weiblichkeit sein. Zudem ist es immer förderlich, wenn Grenzen überwunden und Horizonte erweitert werden können. Wenn Röcke keine Vorteile hätten, dann hätten Frauen mit der Einführung von Damenhosen aufgehört, sie zu tragen. Offensichtlich hat ein Rock neben willkürlichen Geschlechtszuschreibungen auch einige ästhetische und sehr praktische Eigenschaften. Weite Röcke sind bequem und schnüren im Schritt nicht ein. Im Vergleich zu Hosen sind sie deutlich luftiger. Es ist sehr erfrischend, den Unterschied an einem heißen Sommertag zu genießen.

Warum brauchen wir überhaupt kulturelle Geschlechter? Sind sie nicht Relikte alter Gesellschaften? Haben sich Männer nicht gerade durch die Frauenbefreiung vielfältiger entwickeln können? Hat es ihnen nicht geholfen, sich von dominanten, unterdrückerischen und manchmal gewalttätigen Alpha-Männern zu befreien, insbesondere wenn sie am Arbeitsplatz vernetzt agieren? Würde eine Reform der Geschlechterrollen nicht ein respektvolleres und harmonischeres Miteinander der Geschlechter fördern? Obendrein nimmt es den gesellschaftlichen Druck weg, normative Männlichkeit zu praktizieren. Die Befreiung der Kleidung von  geschlechtsspezifischen Konnotationen macht es Männern leichter, archaische und oft toxische Männlichkeitsideale abzulehnen.

Wird das Gemeinschaftsleben nicht sowieso einfacher, wenn Rollenzuweisungen komplett aufgegeben werden? Warum weiterhin so viel Energie in ein paar angeborene Unterschiede investieren, wenn wir so viele andere Eigenschaften teilen? Heutzutage können Männer Babys wickeln und Frauen Kampfjets fliegen. Brauchen wir noch geschlechtsspezifische Regelungen für eine Bekleidungsordnung? Muss Gender eine öffentliche Angelegenheit sein, mit unterschiedlichen Symbolen und konnotierter Kleidung, die wir jeden Morgen anziehen? Warum lassen wir die Menschen nicht einfach sie selbst sein? Warum kann Gender nicht einfach der persönliche Ausdruck eines Individuums sein?

Die unterschiedliche Kennzeichnung des Geschlechts definiert ihren unterschiedlichen Status. Dadurch entsteht ein Ranking und sogar Hierarchien. Der allgemeinen Gleichberechtigung ist das nicht gerade förderlich. Konventionen definieren Regelwerke für Gruppen, die Barrieren bauen, die Menschen trennen. Dies gilt insbesondere dann, wenn große Gruppen ihre Macht einsetzen, um ihre Lebensweise zur Regel und zum Standard für andere zu machen.

Mode ohne Grenzen macht uns glücklich, denn Freiheit macht Menschen immer glücklich. Freiheit erlaubt uns, Wege zu gehen, die nur für uns gemacht sind. Freiheit spaltet die Gesellschaft nicht, sondern fügt ihr Mit Diversität weitere Nuancen hinzu. In einer farbenfrohen Welt gibt es viel mehr zu erleben. Vielfalt verbindet, weil es so viel mehr zu teilen gibt.

MAS

Wer das Leben ernst nimmt, muss auch über sich lachen können.

ACHTUNG! Ich verbiete ausdrücklich, Texte oder Bilder, die ich hier einstelle, ohne meine ausdrückliche Erlaubnis auf andere Seiten zu kopieren!

Jean

I will wear tights even if it's 100 degrees outside.
Tights are my safety blanket."
- Zooey Deschanel

Modernfashion

Ich kann jeden Satz nur unterschreiben!

Vermutlich wollen Männer nichts aus der Damenabteilung für sich übernehmen, weil sie nicht von ihrem gefühlt höheren gesellschaftlichen Rang gegenüber Frauen herunter wollen.
"Weibersachen" gelten deshalb für sie als nicht erstrebenswert.
Ich habe auch den Eindruck, dass diese Bastion in westlichen Gesellschaften erheblich bröckelt.

Umgekehrt war es für Frauen ein Anreiz, das höhere gesellschaftliche Prestige von Männern zu erreichen und haben deshalb dafür gekämpft, Hosen tragen zu dürfen.

MAS

Zitat von: Modernfashion am 13.09.2022 17:28
Ich kann jeden Satz nur unterschreiben!

Vermutlich wollen Männer nichts aus der Damenabteilung für sich übernehmen, weil sie nicht von ihrem gefühlt höheren gesellschaftlichen Rang gegenüber Frauen herunter wollen.
"Weibersachen" gelten deshalb für sie als nicht erstrebenswert.
Ich habe auch den Eindruck, dass diese Bastion in westlichen Gesellschaften erheblich bröckelt.

Umgekehrt war es für Frauen ein Anreiz, das höhere gesellschaftliche Prestige von Männern zu erreichen und haben deshalb dafür gekämpft, Hosen tragen zu dürfen.

Yep, so sehe ich es auch und die meisten hier ebenfalls. Nur einer von uns argumentiert genau anders rum.

LG, Micha
Wer das Leben ernst nimmt, muss auch über sich lachen können.

ACHTUNG! Ich verbiete ausdrücklich, Texte oder Bilder, die ich hier einstelle, ohne meine ausdrückliche Erlaubnis auf andere Seiten zu kopieren!

Holger Haehle

Ja Modernfashion,
den Eindruck, dass diese Bastion in westlichen Gesellschaften erheblich bröckelt, kann ich unterstreichen. Das ist allmählich ziemlich gut untersucht. Tendenzen zeigten sich schon bei der Genration Y, aber bei den Zoomern nimmt das richtig Fahrt auf. Und das gilt nicht nur für Mode. Die junge Generation, ist besonders gleichberechtigt aufgewachsen. Deswegen stellen sich die Jungs auch deutlich abseits der Kerle auf, die für toxische Maskulinität stehen. Röcke werden nicht mehr als abwertend empfunden, weil sie Rock tragende Frauen als gleichwertig erfahren haben. Deswegen finden wir unter jungen Männern eine viel höhere Akzeptanz von Männer in Röcken als bei den Boomern der 60er und 70er Jahre.

Damals wurde Gleichberechtigung gepredigt, aber sie war in der Gesllschaft noch nicht so weit verankert, dass sie die ganze damalige junge Generation prägte. Heute ist der Rock fast schon genderless. Da fehlt nicht mehr viel zum Tipping Point.

Der Tipping Point, wie es die Marktforschung ausdrückt, ist der Moment, wenn ein Trend an Fahrt aufnimmt und größere Bevölkerungsanteile anfangen einzusteigen, weil parallel dazu der aufmerksame Handel, informiert durch Trendscout, einsteigt und entsprechende Kollektionen von den Designern übernimmt.

Der Trend ist schon da, aber leider reagiert der Einzelhandel nicht. Das wird sich in den nächsten Jahren ändern, weil dann die junge Generation auch berufstätig wird und die alten Säcke im Einzelhandel ersetzt, die jetzt noch jede Innovation blockieren. Denn die sind im Moment der Grund, warum die vielen Rockkreationen der Designer nicht in den Läden der Innenstädte ankommen und warum sich Unisexmode immer nur an klassischer Männermode orientiert, die es dann auch in Frauengrößen gibt. Zur Zeit ist da nie ein schlichter Rock oder Leggings und Strumpfhosen dabei.

Timper

Na da ist ja wohl nicht wenig Wunschdenken in deinem Text.
Setzt dich mal in einer 3,7 Millionen Einwohner Metropole auf die großen Shoppingmeilen. Dann zähle die Männer mit Rock. Bei 100000 vielleicht einer. Das ist ein Trend der den Laufstegen nachläuft?
Mag sein das die Jugend moderner und aufgeschlossen  ist aber ich sehe nicht das sich das Im Rock tragen ( abseits von Events ) äußert. Von einer Handvoll auf die große Masse zu schließen ist recht gewagt.
Rock tragen? Ich darf das! Dress to Impress!
Schwarz ist bunt genug! :-)
Bis es was Dunkleres gibt, als Schwarz trage ich Schwarz!

doppelrock

Hallo Holger,

für jemanden, der Identitätspolitik höher bewertet als Biologie oder Bibel, mag das so richtig und plausibel sein.

Ich würde aber eher einen anderen Weg gehen: Den der vorurteilsfreien, ehrlich gemeinten Gleichberechtigung.
Im Gegensatz zu Ideologien bedeutet das, wirklich alle Menschen als gleichwertig und gleichberechtigt zu sehen. Das funktioniert sehr gut, wenn man versteht und akzeptiert, dass es genau 2 Geschlechter gibt, die von der Natur geschaffen sind und der Arterhaltung durch Fortpflanzung dienen. Dass diese biologischen Merkmale unterschiedlich stark oder vollständig ausgebildet sein können, liegt in der Sache der Natur. Dass ungeachtet dieser Merkmale sich Menschen anders fühlen oder eine andere Identität wünschen, ist deren gutes Recht und widerspricht dem nicht.

Gerade wenn man vorurteilsfrei echte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau anstrebt, kann der Rock ein Zeichen der gelebten Toleranz und Vielfalt sein. Jede Art von Ideologie, egal ob Identitätspolitik, Genderpolitik oder was auch immer, vertieft die Gräben und spaltet. Ideologie schafft Feinde und grenzt aus und benutzt die Leute, die man vorgibt zu schützen, für eigene politische Ziele.

Gerade durch diese Ideologien entsteht mehr Intoleranz und Feindschaft. Männer, die Rock tragen würden, werden leicht davon abgehalten, wenn man sie politisiert und mit 2SLGBTxxx in Verbindung bringt. Wokeism und cancel culture bewirken genau das Gegenteil, von dem, was sie vorgeben. Diese Ideologien sind widersprüchlich und willkürlich und gehen an der Realität vorbei bzw. blenden diese gezielt aus.

Deshalb bin ich dafür, Rock, Hose, Kleid und alles andere als Kleidung zu sehen, ohne sie zu ideologisieren.

Holger Haehle

Na Timper,

du kannst in den Shoppingmeilen nichts sehen, wenn es im Retail kein entsprechendes Angebot gibt. Das muss aus den Herrenabteilungen oder reformierten Unisexkollektionen kommen. Du darfst nicht davon ausgehen, das plötzlich alle Männer eigeninitiativ Röcke in den Damenabteilungen kaufen. Das wäre ein Sekundäreffekt.

Mafo bezieht die Daten für Analysen immer aus unterschiedlichen Quellen. Dazu gehört in diesem Falle zu aller erst die Extrapolation von Absätzen aus dem Onlinehandel (Rockbestellungen unter männlichem Namen)  und den Anbietern von Männerröcken. Eine weitere Quelle sind die Umfragen, wie sie von unserem und anderen Instituten für Unternehmen durchgeführt werden. Da die nach dem gleichen Regime konzipiert sind, sind sie vergleichbar. Bei hoher Kongruenz (Übereinstimmung) spricht man dann von einem potenziellen Trend. Wenn der dann auf eine Marktanpassung des Handels stößt, sollte der Effekt auch in einer Einkaufsmeile nachzählbar sein. Die vielen Männerröcke derzeit in der Designermode sind Trendreaktionen. Der Einzelhandel will oder kann die Botschaft wie im Ausgangspost beschrieben aber nicht kapieren. Es braucht den Generationenwechsel. Der wird in den nächsten 5-10 Jahren stattfinden, und dann kannste wieder in die Einkaufsmeilen zählen gehen.

Also erwarte keine großen Veränderungen in den nächsten Jahren. Erwarte lediglich, dass die Thematik in den Medien mit exponentieller Zunahme besprochen und die Anzahl prominenter Testimonials zunehmen wird.

Modernfashion

Zitat von: Holger Haehle am 14.09.2022 02:45
Ja Modernfashion,
den Eindruck, dass diese Bastion in westlichen Gesellschaften erheblich bröckelt, kann ich unterstreichen. Das ist allmählich ziemlich gut untersucht. Tendenzen zeigten sich schon bei der Genration Y, aber bei den Zoomern nimmt das richtig Fahrt auf. Und das gilt nicht nur für Mode. Die junge Generation, ist besonders gleichberechtigt aufgewachsen. Deswegen stellen sich die Jungs auch deutlich abseits der Kerle auf, die für toxische Maskulinität stehen. Röcke werden nicht mehr als abwertend empfunden, weil sie Rock tragende Frauen als gleichwertig erfahren haben. Deswegen finden wir unter jungen Männern eine viel höhere Akzeptanz von Männer in Röcken als bei den Boomern der 60er und 70er Jahre.

Damals wurde Gleichberechtigung gepredigt, aber sie war in der Gesllschaft noch nicht so weit verankert, dass sie die ganze damalige junge Generation prägte. Heute ist der Rock fast schon genderless. Da fehlt nicht mehr viel zum Tipping Point.

Der Tipping Point, wie es die Marktforschung ausdrückt, ist der Moment, wenn ein Trend an Fahrt aufnimmt und größere Bevölkerungsanteile anfangen einzusteigen, weil parallel dazu der aufmerksame Handel, informiert durch Trendscout, einsteigt und entsprechende Kollektionen von den Designern übernimmt.

Der Trend ist schon da, aber leider reagiert der Einzelhandel nicht. Das wird sich in den nächsten Jahren ändern, weil dann die junge Generation auch berufstätig wird und die alten Säcke im Einzelhandel ersetzt, die jetzt noch jede Innovation blockieren. Denn die sind im Moment der Grund, warum die vielen Rockkreationen der Designer nicht in den Läden der Innenstädte ankommen und warum sich Unisexmode immer nur an klassischer Männermode orientiert, die es dann auch in Frauengrößen gibt. Zur Zeit ist da nie ein schlichter Rock oder Leggings und Strumpfhosen dabei.

Ich hoffe auch auf Generation Zoom. Aber das beschriebene Bröckeln der Genderabgrenzung kommt meiner Meinung nach nicht unbedingt nur von denen, sondern schwappt aus den USA zu uns nach Europa (und wahrscheinlich auch über den Pazifik zu Dir, Holger). Genauer gesagt aus den Hochschulen in den USA.

Es hat sich in Deutschland bis auf das Bundesverfassungsgericht ausgewirkt, welches Rechte für das dritte Geschlecht definiert hat und was sich wohl in dem geplanten Personenstandsrecht fundamental ausdrückt, wonach jeder sein Geschlecht individuell in amtlichen Registern ändern darf.
Der Rock für den Mann wird in dem Maß gesellschaftlich konsensfähig, wie es gelingt, diese Abgrenzung zwischen den Geschlechtern endgültig einzureißen.

Ich finde im Hinblick auf Deine Thesen zu dem fehlenden Marketing Dein Buch "Rock wie Hose" ("05 Der Rock im Marketing") besonders interessant. Ob die Umfrageergebnisse, die ihr in Taiwan erzielt habt, auf Deutschland und Europa übertragbar sind, weiß ich nicht. Das wäre interessant zu erfahren. Jedenfalls zeigen die Ergebnisse für mich eindeutig, dass es eine gute Grundlage für die Akzeptanz des Rocks am Mann gibt. Habt ihr das als Drittmittelprojekt für eine Firma gemacht? Die Ergebnisse wären doch hochinteressant für deren Marketing.
Warum dieses Potential vom Handel und den Herstellern nicht durch geeignetes Marketing ausgeschöpft wird, verstehe ich nicht. Vielleicht fehlt es an Risikobereitschaft oder finanziellen Möglichkeiten nach Corona-Lockdowns und heraufziehender Rezession?
Notwendig wäre in meinen Augen ein psychologisch manipulatives Marketing, das auf die Veränderung des im Unterbewusstsein vorhandenen Bilds von Röcken als weibliche Kleidung abzielt. Durch Bilder, Bilder....und nochmals Bilder, die den Mann im Rock positiv darstellen. Ganz wichtig wäre hier, nicht nur Männer, sondern auch Frauen in die Kampagnen einzubeziehen. Denn oftmals haben sie großen, wenn nicht entscheidenden Einfluss auf das, was ihr Liebster trägt. Und Männer billigen ihnen (meist) Kompetenz in Sachen Mode zu. Ich sehe z.B. im Zusammenhang mit den genannten Bildern die Berichterstattung über Brad Pitt im Rock in Berlin in diesem Sommer sehr positiv. Die Bilder gingen weit über die Nische Modemagazine hinaus und waren im Fernsehen und selbst in regionalen Zeitungen zu sehen. Des gleichen weitere Promis im Rock wie Eidinger, Puffpaff, usw.

Hoffnungsfroh stimmt mich auch, dass erste Unternehmen offenbar anfangen, die Herren- und Damenabteilungen in ihren Geschäften aufzulösen. Das ist mir im Sommer diesen Jahres z.B. beim Besuch der Filiale von Levi's am Kudamm in Berlin aufgefallen. Es werden einfach Schnitt und Größe der Hosen angegeben und that's it. Ach ja, einige wenige Jeansröcke gab es da auch mittendrin.

Und ein letzter Punkt: Die Antidiskriminierungsstellen (somit letztlich der Staat) sehe ich auch in der Verantwortung. Ich habe so den Eindruck, dass nach jedem Vorfall eines homophoben Übergriffs, wie neulich auf einen Transgender in Berlin, Betroffenheit und Abscheu geäußert werden, bevor es dann wieder zur Tagesordnung übergeht. Auch hier wären z.B. Werbespots denkbar, die eine Familie mit z.B. einem Mann im Rock und Kindern positiv besetzt zeigen. Auch wenn man damit gewissenlose Gewalttäter nicht erreichen mag, so wird wenigstens langfristig ein positives Bild vom Mann im Rock in den Köpfen vieler verankert, das dann im Unterbewusstsein abgerufen wird, wenn z.B. ein Mann im Rock über den Weg läuft.   

Modernfashion

Zitat von: Holger Haehle am 14.09.2022 14:47
Na Timper,

du kannst in den Shoppingmeilen nichts sehen, wenn es im Retail kein entsprechendes Angebot gibt. Das muss aus den Herrenabteilungen oder reformierten Unisexkollektionen kommen. Du darfst nicht davon ausgehen, das plötzlich alle Männer eigeninitiativ Röcke in den Damenabteilungen kaufen. Das wäre ein Sekundäreffekt.

Mafo bezieht die Daten für Analysen immer aus unterschiedlichen Quellen. Dazu gehört in diesem Falle zu aller erst die Extrapolation von Absätzen aus dem Onlinehandel (Rockbestellungen unter männlichem Namen)  und den Anbietern von Männerröcken. Eine weitere Quelle sind die Umfragen, wie sie von unserem und anderen Instituten für Unternehmen durchgeführt werden. Da die nach dem gleichen Regime konzipiert sind, sind sie vergleichbar. Bei hoher Kongruenz (Übereinstimmung) spricht man dann von einem potenziellen Trend. Wenn der dann auf eine Marktanpassung des Handels stößt, sollte der Effekt auch in einer Einkaufsmeile nachzählbar sein. Die vielen Männerröcke derzeit in der Designermode sind Trendreaktionen. Der Einzelhandel will oder kann die Botschaft wie im Ausgangspost beschrieben aber nicht kapieren. Es braucht den Generationenwechsel. Der wird in den nächsten 5-10 Jahren stattfinden, und dann kannste wieder in die Einkaufsmeilen zählen gehen.

Also erwarte keine großen Veränderungen in den nächsten Jahren. Erwarte lediglich, dass die Thematik in den Medien mit exponentieller Zunahme besprochen und die Anzahl prominenter Testimonials zunehmen wird.

Dass Handel und Hersteller das nicht kapieren, ist mir einfach unverständlich.
Die sollten doch an Umsatz und Gewinn interessiert sein, und da ist sicherlich einiges möglich, wenn zumindest einige der 50% potentieller Kunden (=Männer) gewonnen werden.
Aber vielleicht ist das ja auch die Chance von kleineren Läden und Schneidern, die die Schwerfälligkeit der Großen ausnutzen können. Das könnte dann tendenziell den von Dir beschriebenen Trend beschleunigen und verstärken.

Im Zusammenhang mit dem Auftritt von Pitt im Rock hat sich nach meiner Erinnerung auch ein Experte so geäußert, dass der Trend Röcke für Männer (sogar mit Puffärmeln usw.) in den nächsten Jahren andauern wird.
Das hat zumindest den für uns angenehmen Effekt, dass Mann im Rock langsam aber sicher als normal angesehen werden und negative Kommentare bis hin zu Anfeindungen vermutlich zurückgehen.

Holger Haehle

Vorsicht mit Begriffen wie manipulativem Marketing, denn das gibt es wirklich, besonders auch in der Politik, denn ALLE Parteien haben entsprechende Beratungsagenturen. Das Fachgebiet der Verhaltensökonomie ist jedenfalls hochinteressant, weil man mit Neurobiologie und kognitiver Psychologie einerseits sehr zielgenau und marktgerecht Produkte plazieren kann und andererseits aber auch die Ratio bei Kaufentscheidungen umgehen kann. Wir reden also über ein zweischneidiges Schwert, das fleißig gewetzt wird, weil Facebook und Co entsprechende Daten in den sozialen Netzwerken so leicht abfischen können.

Weil du das dritte Geschlecht und Antidiskrimminierungsgesetze ansprichst, möchte ich betonen, dass der Rock für Männer nur ein kleines Merkmal eines viel größer angelegten sozialen Umbruchs ist. Allein die Diskussion um alte weiße Männer und toxische Männlichkeit verweist auf Abgrenzungsphänomene bei den jüngeren Generationen. Mal gucken, wie weit das gehen wird. Den letzten größeren Bruch gab es bei den 68ern. Der Motor für diese Entwicklung wird jedenfalls in der gesellschaftlichen Durchdringung der Prinzipien von Freiheit und Gleichheit gesehen. In meiner Boomer Generation wurden die zwar schon gepredigt, waren aber noch weit entfernt davon allgemein anerkannt zu werden. Die Männer der progressiven 68er konnten noch sehr reaktionäre Machos sein.

Die Daten in meinem Buch stammen teilweise aus unserer Mafo, teilweise sind es auch nur Übungsaufgaben meiner Studenten. Die Qualität der Daten hängt immer vom Umfang der Stichproben ab. Die mathematischen Hilfsmittel durch Statistik und Simulation geben bei ausreichendem Datenpool schon verblüffend genaue Aussagen.

Das mit den Puffärmeln kam von einem Mafo Experten des Deutschen Mode Instituts. Eigentlich sind sich alle Experten einig, dass es zu massiven Veränderungen kommen wird, weil die Verarbeitung der entsprechenden Daten in der mathematischen Analyse wie das so schön heißt hoch signifikant sind. Wir reden also nicht mehr nur von empirischen Eindrücken und Erfahrungswerten von einzelnen Experten. Es zeichnet sich somit statistische Evidenz ab. Uneinigkeit besteht bei beim Timing.

Männer sollten als Kunden gewonnen werden. Das ist tatsächlich wichtig - vor allem weil der Markt von Damenmoden auf hohem Niveau gesättigt ist und kaum noch Wachstum zeigt. Aber an das Wachstumspotenzial in der Männermode glaubt der Handel noch nicht.

Der Einzelhandel ist sehr konservativ und zurückhaltend, auch beim Zusammenlegen von Kollektionen trotz des Einsparpotentials. Erschwerend kommt hinzu, dass die Gewinnmargen im Modemarkt sehr niedrig sind, was durch hohen Absatz kompensiert werden muss. Das ja einer der Gründe, warum es immer mehr Junkfashion gibt und die fette Kohle nur bei den Big Playern gemacht wird. Kleine Läden haben nur im gehobenen Preissegment eine Chance. Das ist aber ein sehr kleiner Markt. Leider blieben die letzten Absätze eines Testverkauf von Männerröcken bei ZARA in deren Online Shop vor etwa drei Jahren weit unter der Gewinnschwelle. Im Markt für Pflegemittel und Kosmetik ist bereits jetzt schon mehr Dynamik drin. In Taiwan gibt es auch Make-up Werbung für Jungs. Befeuert wird diese Entwicklung in Asien auch durch die Mangakultur und Cosplay. Bei letzterem wird nur noch der Charakter gespielt, den man mag unabhängig vom eigenen Geschlecht.

culture skirt

Zitat von: Holger Haehle am 13.09.2022 06:33
Heutzutage können Männer Babys wickeln und Frauen Kampfjets fliegen.
https://www.rpr1.de/magazin/liebe-familie/vater-aus-wickelraum-geworfen

Zitat von: Holger Haehle am 13.09.2022 06:33
Muss Gender eine öffentliche Angelegenheit sein, mit unterschiedlichen Symbolen und konnotierter Kleidung, die wir jeden Morgen anziehen? Warum lassen wir die Menschen nicht einfach sie selbst sein? Warum kann Gender nicht einfach der persönliche Ausdruck eines Individuums sein?
Es gibt kein Gender. Das ist nur ein Kunstbegriff aus dem universitätischen Milieu. Nirgends steht Gender als Geschlechtseintrag.

Mathias

Ich sag mal: jetzt erst recht! Mein Auslöser für das tragen von Kleidern und Röcken war der das Mann das nicht kann. Ok, etwas vorbelastet war ich schon weil ich recht früh die lange Unterhose gegen Strumpfhose getauscht habe und mich das Gefühl von Strumpfhosen unter Jeans auch nicht überzeugt hat. Da kam die Idee auf Kleider umzusteigen wie gerufen. Seit dem möchte ich die Outfits nicht mehr missen zumal es eine ziemlich Strecke war bis meine Umgebung damit klar kam.
Über meine Rolle dabei hab ich mir im Gegensatz zu meiner Umgebung nie Gedanken gemacht und keinen Zweifel dran gelassen das sich ausser meiner Kleidung nix geändert hat, Ehemann,  Mann,  Chef.... alles blieb so wie es war, wer daran zweifelte scheiterte immer an meinem Selbstbewusstsein......klar trage ich ab und an auch Hosen,  machen ja viele....
Ein Tag ohne Rock ist möglich aber sinnlos

Modernfashion

Hallo Holger, Mathias und alle die hier gepostet haben, finde das sehr interessant.

@Holger: Manipulatives Marketing, das hört sich meines Erachtens schlimmer an als es ist. Zumindest ist jedes Marketing dahingehend manipulativ, als dass der potentielle Käufer zu einem Verhalten bewegt werden soll (nämlich zum Kauf), das er sonst nicht an den Tag legen würde. Nicht manipulativ wäre es nur dann, wenn ausschließlich auf Sachargumente abgestellt sowie pro und kontra ausführlich dargestellt werden. Dann könnte der (potentielle) Käufer eine sachorientierte, rein auf verbale Kommunikation abgestellte Entscheidung treffen. So funktioniert Marketing aber nicht. Viel wichtiger aus psychologischer Sicht sind doch Emotionen und Gefühle, also die nonverbale Kommunikationsebene, die das Unterbewusstsein bedient. Das findet z.B. statt, wenn die neue Zahnpasta oder Anti-Schuppen-Shampoo von einem Mensch im weißen Kittel präsentiert wird, ein neues Medikament vorgestellt wird und die Entwicklerin dabei rein zufällig einen Blick durch das Mikroskop wirft, usw. usw. Hier werden also Bilder genutzt, um in das Unterbewusstsein der Käufer zu kommen, ohne dass die Betreffenden das letztlich bemerken und es überhaupt ausblenden können. Die Macht der Bilder also. Man mag das für verwerflich halten, aber das ist gesellschaftlich akzeptiert - andernfalls wäre es wie vieles andere verboten.
Und ja, auch die Politik nutzt dies und bedient sich fleißig dieses Mechanismus, vor allem in Wahlkämpfen. Parteiprogramme lesen nur ganz wenige, langatmige Reden, in denen z.B. von Bürgernähe und Generationengerechtigkeit die Rede ist, verfangen auch nur bei wenigen Zuhörern. Wenn aber ein Politiker das oft bemühte "Bad in der Menge" nimmt (und damit Bürgernähe zeigt) und dann dabei noch eine Mutter und ihr kleines Kind sichtbar für die Kameras liebkost (Verantwortung für Familie und künftige Generationen), werden Emotionen bei den Zusehern unterbewusst geweckt. Und es ist auch nicht zufällig, das ein US-Präsidentschaftskandidat (und späterer US-Präsident) eine wichtige Rede im Wahlkampf vor der Siegessäule in Berlin gehalten hat. Das ist die Macht der Bilder, darauf kommt es letztlich an.
Ich finde es daher nicht illegitim, wenn unser Anliegen, den Mann im Rock als etwas Normales in den Köpfen zu verankern, mit solchen Mitteln verfolgt wird und dabei Bilder und Beispiele genutzt werden.

Was die Erfolgsaussichten unseres Anliegens angeht: Ich denke, dass die Chancen nie größer waren als jetzt. Vorbehalte gegen den Rock am Mann abzubauen, sehe ich ebenfalls als Teil einer größeren gesellschaftlichen Strömung, die Geschlechterbarrieren einreißt und dabei allem Anschein nach recht erfolgreich ist. Das macht hoffentlich den Unterschied zu den bislang gescheiterten Versuchen, den Rock am Mann zu etablieren (Marc Jacobs, Gaultier, u.a.). Damals war die Zeit und die gesellschaftlichen Umstände offenbar noch nicht reif dafür.

Interessant ist auch die von Dir beschriebene konservative Haltung des Handels. Trifft das nach Deinen Beobachtungen auf den Handel speziell in Deutschland, Europa oder weltweit zu?
Ich kenne mich da nicht aus, habe allerdings in Wirtschaftsnachrichten regelmäßig verfolgt, dass viele stationäre Handelsunternehmen (nicht speziell in der Bekleidungsindustrie, aber auch) den Trend zum Onlinehandel nicht rechtzeitig erkannt haben und hinterherhinken. Das hat etliche, auch große Player in Schwierigkeiten gebracht (z.B. Karstadt, Nordstrom in den USA). Ich denke, dass die ihre Sensoren ständig aktiviert haben, z.B. auch was Häufigkeit an Recherchen in Suchmaschinen nach einschlägigen Suchbegriffen zu Röcken für Männer usw. angeht und viele weitere Daten sammeln (u.a. in sozialen Netzwerken), um möglichst effektiv Trends zu erkennen.
Aber hier setze ich gefühlsmäßig auch eher darauf, dass solche Trends zuerst in den USA (und dort im "Versuchslabor" Kalifornien) sich zu einer großen Welle aufbauen, die dann auch uns in Europa bzw. Deutschland gelangt und wahrscheinlich auch Euch in Fernost erfasst.

@Mathias: Ich bewundere Deinen Mut. Gerade auch Deine Rolle als Chef dürfte vermutlich ein gewisses unternehmerisches Risiko mit sich gebracht haben - sowohl im Hinblick auf die Mitarbeiter als auch auf Kunden. Chapeau! Aber auch Reaktionen der Familie, die im Zweifel am Wichtigsten sind, führen bei manchen hier zu Problemen und erfordern Kompromisse. So weit wie Du bin ich noch lange nicht.

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