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Im Rock auf der Arbeit

Begonnen von MAS, 03.11.2022 16:29

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JoHa

Wenn Menschen mit klaren Vorurteilen und sauberen Schubladen mit der Wirklichkeit konfrontiert werden, fühlen sie sich unsicher und reagieren oft agressiv. Da gibt es nicht genug Sozialarbeiter, das zu bearbeiten, zumal genau diese oft mangels Supervision in stereotype Urteile zurückfallen.

MAS

Zitat von: JoHa am 24.11.2023 22:30
Wenn Menschen mit klaren Vorurteilen und sauberen Schubladen mit der Wirklichkeit konfrontiert werden, fühlen sie sich unsicher und reagieren oft agressiv. Da gibt es nicht genug Sozialarbeiter, das zu bearbeiten, zumal genau diese oft mangels Supervision in stereotype Urteile zurückfallen.

Mangels Supervision? Es gibt keine Supervision für Sozialarbeiter:innen? Das ist ja strafbar - oder sollte es sein!

LG, Micha
Wer das Leben ernst nimmt, muss auch über sich lachen können.

ACHTUNG! Ich verbiete ausdrücklich, Texte oder Bilder, die ich hier einstelle, ohne meine ausdrückliche Erlaubnis auf andere Seiten zu kopieren!

JoHa

Keine Supervision? Aber bitte! Gibt es massenhaft. Auf dem Papier. Wird nur nicht genug angefordert/angeboten. Auch hier gilt zu oft: "Ich habe es immer gerne getan und verstehe nicht, was du daran schwer findest." Solche Sentenzen töten die Bereitschaft zur Offenheit, wenn ein untätiger Supervisor daneben sitzt.

Yoshi

#723
Zitat von: MAS am 24.11.2023 20:49
Die Frage ist halt: Wer kann was für die Kinder solcher Eltern tun? Wer holt sie da raus? Sozialarbeiter:innen?

Wenn die Gespräche mit uns nicht fruchten, dann werden sie an die Sozialberatung weitergeleitet. Bei schwerwiegenden Fällen hilft letztendlich nur noch das Jugendamt.

Zitat von: JoHa am 24.11.2023 22:30
Wenn Menschen mit klaren Vorurteilen und sauberen Schubladen mit der Wirklichkeit konfrontiert werden, fühlen sie sich unsicher und reagieren oft agressiv.

Ich sehe da auch keine Bereitschaft seitens der Eltern ihre Vorurteile zu überdenken. Mir ist es immer wichtig in den Dialog zu gehen, aber man kann halt nichts machen, wenn Gespräche abgelehnt werden. Man lacht mir ja sogar ins Gesicht und sagt mir, wie zufrieden man ist. Dann geht man zur Kollegin und redet schlecht über mich, schreibt Beschwerdebriefe per Mail an die Leitung oder regt sich in der Whatsapp-Gruppe der Eltern auf. Ich werde ja noch nicht mal offen angefeindet, denn da könnte ich zumindest reagieren und argumentieren. Es ist viel perfider, dass es hinter meinem Rücken geschieht und noch viel schlimmer, dass es über die Kinder ausgetragen wird.

Silkman

Keine Supervision gibt es massenhaft in sozial relevanten Bereichen...

Meine Frau war viele Jahre lang "persönlicher Ansprechpartner" im Jobcenter: Tag für Tag Einzelschicksale erfahren, bei von Jahr zu Jahr immer geringeren Möglichkeiten, den Kunden auf sinn- und möglichst würdevolle Weise wieder aus dem Hartz herauszuhelfen.

Und das Wort "Supervision" war dem Jobcenter völlig unbekannt, diese Aufgabe hatte ich dann fast täglich nach Feierabend an der Backe...


... Und nein, ich bin kein Psychologe, Pädagoge, Philologe... Ich bin Techniker: Ein Schraubensack ohne jegliche soziale Ausbildung, also war meine Kernkompetenz geduldiges zuhören mit ein paar eingestreuten Bemerkungen eines unwissenden.

MAS

Zitat von: Yoshi am 25.11.2023 00:21
Ich sehe da auch keine Bereitschaft seitens der Eltern ihre Vorurteile zu überdenken.

Wahrscheinlich wissen sie nicht, dass die Vorurteile haben oder was das überhaupt ist.

Zitat von: Yoshi am 25.11.2023 00:21
Mir ist es immer wichtig in den Dialog zu gehen, aber man kann halt nichts machen, wenn Gespräche abgelehnt werden. Man lacht mir ja sogar ins Gesicht und sagt mir, wie zufrieden man ist. Dann geht man zur Kollegin und redet schlecht über mich, schreibt Beschwerdebriefe per Mail an die Leitung oder regt sich in der Whatsapp-Gruppe der Eltern auf. Ich werde ja noch nicht mal offen angefeindet, denn da könnte ich zumindest reagieren und argumentieren. Es ist viel perfider, dass es hinter meinem Rücken geschieht und noch viel schlimmer, dass es über die Kinder ausgetragen wird.

Das ist so die Feigheit gegenüber Menschen, die vermeintlich ranghöher sind. Mann lächelt dem vermeintlich Stärkeren ins Gesicht, weil man Angst vor ihm hat, aber versucht hintenrum, ihn zu vernichten, weil man Angst vor ihm hat.

LG, Micha
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MAS

Zitat von: Silkman am 25.11.2023 00:23
Keine Supervision gibt es massenhaft in sozial relevanten Bereichen...

Meine Frau war viele Jahre lang "persönlicher Ansprechpartner" im Jobcenter: Tag für Tag Einzelschicksale erfahren, bei von Jahr zu Jahr immer geringeren Möglichkeiten, den Kunden auf sinn- und möglichst würdevolle Weise wieder aus dem Hartz herauszuhelfen.

Und das Wort "Supervision" war dem Jobcenter völlig unbekannt, diese Aufgabe hatte ich dann fast täglich nach Feierabend an der Backe...


... Und nein, ich bin kein Psychologe, Pädagoge, Philologe... Ich bin Techniker: Ein Schraubensack ohne jegliche soziale Ausbildung, also war meine Kernkompetenz geduldiges zuhören mit ein paar eingestreuten Bemerkungen eines unwissenden.

Mit anderen Worten: Du warst Momo!

Aber dass die vom Jobcenter das Wort nicht kannten! Die bräuchten wohl mal eine Fortbildung!

LG, Micha
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Silkman

Zitat von: Yoshi am 25.11.2023 00:21
Zitat von: MAS am 24.11.2023 20:49
Die Frage ist halt: Wer kann was für die Kinder solcher Eltern tun? Wer holt sie da raus? Sozialarbeiter:innen?

Wenn die Gespräche mit uns nicht fruchten, dann werden sie an die Sozialberatung weitergeleitet. Bei schwerwiegenden Fällen hilft letztendlich nur noch das Jugendamt.

Und das Jugendamt kann auch nur versuchen, das schlimmste zu  verhüten:
Ein Komilitone und auch sehr guter Freund stammte aus einer Familie aus dem Kleinkrimminiellen-Millieu, denen das Jugendamt alle 7 Kinder weggenommen hatte.
Im Lauf der Zeit sind 6 davon wieder "nach Hause" zurückgekommen, nur mein Freund wollte mit denen nix mehr zu tun haben.

Yoshi

Zitat von: MAS am 25.11.2023 00:44
Wahrscheinlich wissen sie nicht, dass die Vorurteile haben oder was das überhaupt ist.

Theoretisch sollten sie das wissen, weil sie fast alle einen Migrationshintergrund haben, teilweise andere Religionen und/oder Hautfarben. Eigentlich müssten sie empathischer sein, weil sie bestimmt Diskriminierungserfahrungen gemacht haben. Das Absurde ist bei diesen Menschen jedoch, dass sie Gleichberechtigung für sich selbst zwar einfordern, sie aber bei anderen dann paradoxerweise sehr rigorose bekämpfen. Der Sexismus gegen Männer bei uns kommt interessanterweise auch von Frauen, die von ihren Männern getrennt leben und sehr schlecht über diese reden. Sie kritisieren die toxische Männlichkeit ihrer Ex-Partner, aber kritisieren auch mich, weil ich von diesem klassischen Rollenmodell abweiche. Menschen sind nun mal einfach keine rationalen Wesen!

Zitat von: Silkman am 25.11.2023 00:23
Keine Supervision gibt es massenhaft in sozial relevanten Bereichen...

Selbst für uns Fachkräfte gibt es meist erst Supervision, wenn es eine Krise gibt und dann ist es meist zu spät. So ist es zumindest in der Regel, aber es gibt auch Ausnahmen. Bei meinem aktuellen Träger gibt es alle sechs Wochen Supervision, unabhängig von Problemlage.

In der letzten Supervision habe ich übrigens das Thema auch angesprochen. Das Team schwieg größtenteils und der Supervisor hat mir überhaupt nicht geholfen. Er meinte zu mir, dass ich nochmal ein Gespräch mit den Eltern anbieten soll. Ich soll mir auch bewusst sein, dass diese Anfeindungen nur "Neugierde" der Eltern an meinem Lebensmodell wäre. Dann sagte er, ich hätte Spaß daran mich selbst zu inszenieren und mit meinem Äußeren würde ich gerne andere Menschen provozieren wollen. Ich soll mich nicht so hereinsteigern, weil ich mit solchen Reaktionen rechnen muss. Der hat gar nicht verstanden, wie massiv ich attackiert werde. Das war so eine richtige Täter-Opfer-Umkehr á la "Selbst schuld, wenn du so rumläufst, um andere zu ärgern!"

MAS

Das letzte, lieber Yoshi, erinnert mich an die Vorwürfe, Frauen seien doch selbst Schuld daran, belästigt zu werden, wenn sie sich hübsch anziehen.  >:(

Zu den Vorurteilen: Die erkennt man eben am ehesten bei anderen, wenn sie einen anders beurteilen, als man selbst sich konstruiert. Aber die eigenen Vorurteile sieht man nicht als solche, denn man kennt ja nicht das Selbstkonstrukt des anderen Menschen.

LG, Micha
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Yoshi

Zwar nicht auf meiner Arbeit, aber vielleicht bald meine zukünftige.

Gestern bin ich zu einem Kennenlerngespräch in eine Kita. Ich habe einen olivgrünen Midirock getragen. Als ich an der Tür klingelte, machte gerade eine Mutter zufällig auf, die mit ihrem Kind herausging. Sie blickte flüchtig auf meinen Rock, ich bedankte mich für das Aufhalten und ging rein. Das Gespräch fand während der Teamsitzung statt und es waren vier Erzieher*innen anwesend. Mein Rock und Nagellack war nicht Thema und man lud mich für einen Hospitationstag ein. Demzufolge war mein Kleidungsstil kein Problem.

Heute war ich in einer anderen Einrichtung zum Hospitieren. Ich bin natürlich auch im Rock hin, und zwar in einem dunkelblauen Faltenrock in Midilänge, der optisch schon sehr an einen Kilt erinnert. Die eine Leitung hatte lustigerweise auch einen dunkelblauen Faltenrock in Midilänge an, der allerdings etwas weiter und länger war als meiner, aber den exakt gleichen Farbton hatte. Beim Rausgehen aus dem Büro sagte sie zu mir: "Das ist ja lustig. Wir haben beide einen ähnlichen Rock an." Ich sagte: "Ja, das war mir vorhin auch schon aufgefallen. Ich bin auch mal gespannt, wie die Kinder reagieren. Die finden das meistens sehr spannend." Ich war anschließend in zwei unterschiedlichen Kindergartengruppen zum Reinschnuppern. Die Erzieher*innen waren sehr offen und gesprächig, aber der Rock wurde nicht thematisiert und es gab keine auffälligen Blicke. Eltern waren kaum in Kontakt mit mir, aber die, die mit mir kurz redeten, waren wirklich sehr freundlich und herzlich in ihrer Kommunikation. Die Kinder hat mein Rock auch nicht sehr interessiert. Ein Junge sagte nur feststellend zu mir: "Du hast ja einen Rock an." Ich meinte nur: "Ja, das stimmt." Dann erzählte er mir von den Drei Fragezeichen. In der anderen Gruppe war ein Mädchen überrascht und fragte mich: "Wow, du hast ja einen Rock an. Wieso?" Darauf sagte ich: "Ich finde es schön und bequem." Dann erzählte sie mir von ihrem Gebasteltem. Der Rest der Kinder nahm es entweder nicht wahr oder es war wohl zu unbedeutend, um das anzusprechen und sie redeten lieber über andere Dinge. Der Nagellack wurde von einem Mädchen mit Begeisterung aufgenommen: "Cool. Das ist voll schön. Die Farbe hatte ich auch letztes Mal." Auch hier interessierte es den Rest nicht. Beim Verabschieden gaben mir dann sogar die zwei "Rabauken" der Gruppe einen Check sowie einen Fistbump und der eine sagte zu mir: "Ich möchte, dass du wieder kommst."

Beim Nachgespräch meinte die eine Leitung zu mir, dass sie gar nicht mitbekommen hat, ob ein Kind mich auf den Rock angesprochen hat. Ich erzählte ihr von den beiden oben beschriebenen Situationen und fügte noch hinzu: "Erfahrungsgemäß interessiert das die meisten Kinder nicht und die, die es interessiert, fragen kurz nach dem 'Warum?' und dann ist das Thema auch erledigt." Sie sagte zu mir: "Es ist auch ihr gutes Recht zu fragen." Dazu meinte ich nur: "Ja, das stimmt. Ich bin da auch sehr offen." Das war alles, was wir dazu sagten. Ich bin nächste Woche nochmal zum Hospitieren eingeladen, damit ich die anderen Kolleg*innen nochmal kennenlernen kann, die diese Woche leider krank sind, weil die auch ein Mitspracherecht haben.

Wie man sieht, war es bei beiden Einrichtungen kein Problem, dass ich Rock und Nagellack trage und beide haben (weiterhin) Interesse an mir, sonst hätten sie mich ja schließlich nicht nochmal eingeladen. Mein Beruf ist aber auch sehr offen für Diversität und gendersensible Erziehung ist Teil unserer Ausbildung und Arbeit. Dementsprechend herrscht da im Kollegium vielerorts Toleranz und sogar Zuspruch, teils Begeisterung.

MAS

Vielleicht hast Du am Schluss die Qual der Wahl, lieber Yoshi!

Ich wünsche Dir eine gute Entscheidung und viel Erfolg überhaupt!

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ChrisBB

Hallo Yoshi,
na das nimmt ja eine Super-Entwicklung. Und, ehrlich gesagt, ich habe mir das auch schon überlegt, ob ich zu einem Vorstellungsgespräch in meiner ehemaligen Anzugshose (umgebaut zum langen Rock) erscheinen wollte. Allerdings habe ich bislang kein solchen Termin gehabt.
Ich wünsche dir gute Weisheit bei der Auswahl der Einrichtung, zu der du dann hingehst.
Gruß,
ChrisBB

hirti

Yoshi, ich finde es sehr mutig von dir, dass du dich nicht einschüchtern und wieder brav in Hosen stecken lässt, sondern dich um einen Job bemühst wo man dich so annimmt wie du bist.

Mir kommt vor dass die Situation aktuell ohnehin nicht so erfreulich für dich ist und da ist ein Wechsel sicher das richtige. Super auch, dass du gleich in einem Outfit vorstellen gehst, in dem du akzeptiert werden möchtest - so kommt nicht dann doch später das komische Erwachen.

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Umgekehrt gebe ich ganz offen zu dass diese Vorgehensweise bestimmt nicht für jeden das richtige ist - auch nicht für mich. Wenn mir erheblicher und nicht wegzudiskutierender Widerstand aus der Firmenleitung entgegengeschlagen wäre, hätte ich vermutlich wieder etwas Kreativität aus meinem Kleidungsstil herausgenommen.
Was tut man nicht alles für einen Job der seit einem Vierteljahrhundert Freude macht und ein gutes Gehalt samt Dienstwagen und tollen Kollegen beschert.

Dass es bei mir so klappt ist großes Glück und genau das gleiche wünsche ich dir auch!

cephalus

Deine pragmatische Herangehensweise gefällt mir, Hirti.

Häufig wird hier fundamentaler argumentiert, aber genau so würde ich, was Arbeit betrifft auch handeln - es ist eben immer auch eine Frage, wie wichtig einem der Rock ist, und welche Emotionen mitspielen in Bezug auf die Situation in der man ihn tragen kann.

Trotzdem würde ich bei meinem nächsten Bewerbungsgespräch einen Rock tragen, wenn Job und Logik nicht total dagegen sprechen.

Allerdings auch nur unter der Voraussetzung, wie bei meinem letzten Gesprächen:
Ich brauche den Job nicht, er wäre nur eine interessante Abwechslung oder Verbesserung zum aktuellen.